Plattenbau-Kontraste


Radio Lora: ein kritischer Vogel am Münchner Radiohimmel

Zwei Gründerväter des Senders geben Auskunft

Eckhard Thiel und Eberhard Efinger im Sprecherstudio von Radio Lora Foto: Klaus Wagner

Eckhard Thiel und Eberhard Efinger
im Sprecherstudio von Radio Lora
Foto: Klaus Wagner

Nicht Mainstream sein, weder im Informationsangebot noch in den Musiksendungen. Keine Klangtapeten abliefern, sondern Sendungen für Zuhörer; das ist das Ziel. Radio Lora sendet auf 92.4 MHz von Montag bis Freitag und von 17 bis 24 Uhr. Eckhard Thiel und Eberhard Efinger gehören zu den Gründerväter dieses privaten Münchner Senders.

Radio Lora sieht sich als alternatives, kritisches Wortradio. Wie würden sie das Programm des Senders beschreiben?

Efinger: Unser Wochenprogramm ist sehr vielfältig, schwerpunktmäßig politisch und sehr wortlastig. Die Inhalte sind auch schon mal provokativ. Ich persönlich finde, dass es manchmal etwas einseitig gestaltete Sendungen gibt. Wir haben aber keinen Politkommissar, der auf eine bestimmte Linie achtet.

Thiel: Bei der Programmgestaltung legen wir Wert darauf, die Tages- und Wirtschaftspolitik kritisch mit Kommentaren und Hintergrundinformationen zu begleiten. Wir bringen auch Nachrichten, die man in etablierten Medien nicht findet. Wir verstehen uns nicht als Plauderradio und wollen nicht Mainstream sein. Ich denke, dass Lora diese Absicht erfüllt.


Streben sie ein ausgewogenes Programm an?

Efinger: Ausgewogen ist eher missverständlich. Manchmal ist es, wie gesagt, eben nicht ausgewogen. Andererseits streben wir auch nicht an, das gesamte politische Spektrum abzudecken.


Sind sie auf Grund ihrer Programmgestaltung mit Konflikten konfrontiert?

Efinger: Es gab einmal Beschwerden, wegen einer Satire-Lesung. Aber zu Konflikten auf Grund politischer Stellungnahmen ist es bisher nicht gekommen. Auch nicht zu Reaktionen in anderen Medien.


Ist es nicht etwas frustrierend, so wenig Echo zu bekommen? Oder erheben sie darauf keinen Anspruch?

Efinger: Doch, der Anspruch ist schon da. Aber vielleicht werden durch unsere Sendungen zu sehr Hörer angesprochen, die ohnehin unserer Meinung sind. Vielleicht wird auch zu sehr Selbstbestätigungsradio gemacht.


Haben sie München-spezifische Sendungen in ihrem Programm?

Efinger: Ja. Eine unserer Sendungen heißt Münchner Forum. In der werden lokal-spezifische Themen diskutiert. Ursprünglich sind wir als Lokalradio angetreten und unser Lora-Magazin hieß früher Stadtmagazin. Ich bedaure, dass in den letzten Jahren lokale Themen zugunsten von tages- und weltpolitischen Themen stark in den Hintergrund getreten sind.

Thiel: Wir kümmern uns aber schon auch um Themen, die vor unserer Haustür liegen. Ich möchte hier an die Tiefgarage unter dem Landtag erinnern, die wir zu Gunsten der Erhaltung des Isarhochufers verhindert haben. Ebenso berichten wir zum Beispiel über Probleme, die sich durch den geplanten S-Bahntunnel ergeben und wir setzen uns für die Drogenabhängigen am Pariser- und am Orleans-Platz ein.


Welche Vorstellung haben Sie vom typischen Lora-Hörer?

Efinger: Ein Jugendradio sind wir nicht. Die Mehrheit der Hörer wird zwischen 30 und 60 Jahren sein und ist im Spektrum von SPD, Grüne und Linkspartei angesiedelt - oder noch weiter links. Den typischen CSU-Wähler werden wir sicher nicht erreichen.


Wollten sie den denn erreichen?

Efinger: Wenn er aufgeschlossen ist, ja. Ich finde, die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner sollte von uns aktiver geführt werden.


Hat es lange gedauert von der Idee einen Sender zu gründen bis zur ersten Sendung?

Thiel: Ja, fast acht Jahre. 1985/86 wurden Sendefrequenzen vergeben. Das und der Umstand, dass es in Bayern noch kein alternatives Radio gab, waren die entscheidenden Kriterien, einen Sender zu gründen. Bis wir endlich eine Sendelizenz hatten, waren zwei Anläufe notwendig. Dann mussten wir uns eine Frequenz mit bereits etablierten privaten Sendern teilen, was weitere Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Zwischenzeit hatten wir aber genutzt, um unsere Idee von Radio Lora bekannt zu machen.


Können Sie einige Beispiele nennen?

Thiel: Wir organisierten Veranstaltungen und registrierten dabei großes Interesse. Bei Demos machten wir Fahrrad-Radio. Auf einer Stange war ein Lautsprecher befestigt und das Programm kam vom Band. Eine andere Aktion war das Telefonradio. Hier war das Programm über einen Anrufbeantworter abrufbar.


Was sind das für Leute, die bei Radio Lora arbeiten?

Efinger: Das sind politisch Engagierte, die sich für Themen interessieren, die normalerweise von den Medien nicht oder nicht ausreichend bearbeitet werden. Eine spezielle Vorbildung, was das Radiomachen betrifft, ist nicht notwendig. Nur wenige Mitarbeiter kommen vom professionellen Rundfunk.

Thiel: Intern wurde bei Lora lange über Professionalität diskutiert. Aber wesentlicher als diese ist es, wahrhaftig und verständlich zu sein und die Dinge auf den Punkt zu bringen. Übrigens: über 150 unserer Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich.


Welche Perspektiven sehen sie für Radio Lora?

Thiel: Ich bin der Ansicht, wir sollten die Hörerbindung und den Lokalbezug verstärken. Es gab Diskussionen über Stadtteilredaktionen, aber die ließen sich nicht verwirklichen.

Efinger: Lora ist ein kleiner Sender, der sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Alles braucht seine Zeit.

 

Immer Mittwochs, von 17 bis 22 Uhr

Felix Jacowitz, Sendetechniker bei Radio Lora

Die einen können sich zurücklehnen und zuhören. Die anderen arbeiten, sonst gibt es nichts zu hören. Während die einen in der Entspannung abschalten können, sind die anderen möglicherweise sehr nervös und angespannt. Wenn sie einen Fehler machen, geht unter Umständen ein Sendeloch „on air“ und es kommt kurzzeitig nur Stille aus dem Lautsprecher. Sendetechniker zu sein ist manchmal ein aufregender Job.

Es sieht ruhig und gelassen aus, wie er arbeitet. Hin und wieder Blicke durch das Fenster in das Sprecherstudio nebenan, in die Aufzeichnungen in seiner Hand, oder auf den PC-Monitor. Mausklicks. Seltener Handgriffe am Steuerpult. Der Techniker, der heute Abend für die Sendetechnik verantwortlich ist, wirkt wie ein Profi. Seit drei Jahren ist er bei Radio Lora. Immer Mittwochs, von 17 bis 22 Uhr. Und tagsüber, oder davor, als Techniker bei einem anderen Sender? Nein, zuerst war er Augenoptiker und dann Taxifahrer. Er heißt Felix, ist 60 Jahre alt und ein sehr ruhiger Typ. Aufmerksame Augen hinter einer Goldrandbrille. Er arbeitet ehrenamtlich bei Lora, wie mehr als 150 andere Radiomacher: Sprecher, Moderatoren, Redakteure und eben Sendetechniker

Kurios ist, wie er zum Sender kam. Für seinen Sohn wollte er einen Platz für ein Praktikum bei Radio Lora besorgen. Dann wollte dieser plötzlich nicht mehr und er sei dann hier hängen geblieben. „Irre Spaß“ mache es ihm, sagt Felix. Sein Sohn habe inzwischen gar nichts mehr mit Radio im Sinn. So kann's auch gehen.

Aufwendige Technik für einen guten Klang. Foto: Klaus Wagner

Aufwendige Technik für einen guten
Klang.
Foto: Klaus Wagner

Großes Steuerpult mit vielen Drehknöpfen, die alle gleich aussehen; eine Anzahl Schieberegler, auch alle gleich. Ein Mikrophon an einem Schwenkarm, CD-Player, Plattenspieler, ein PC und eine Box in die Kabel hineinmünden und herausführen. Alles befindet sich in einem gemütlich kleinen Raum. Das Equipment hat den Charme des Zusammengetragenen, funktioniert aber hörbar tadellos. Einwandfreier Sound, der da aus den Lautsprechern kommt. Drei bis vier Wochen habe die Einarbeitung gedauert, sagt Felix, danach sei er Selbstfahrer gewesen. So nennt man diejenigen, welche die Sendetechnik allein betreuen können. Viel hat er sich durch “learning by doing” beigebracht. Schweißnass sei er am Anfang gewesen. Und sehr nervös. Je nervöser man sei, je mehr passiere: zum Beispiel, man drückt auf „eject“ statt auf „play“. Dann gibt es ein Sendeloch.

U. Nisser im Studio Foto: Klaus Wagner

U. Nisser im Studio
Foto: Klaus Wagner

Jetzt passieren die Fehler aus der Routine heraus. Macht man einen, hört man das im Radio. Nicht schlimm, sagt Felix, kleine Missgeschicke nehme hier keiner übel. Lora München, nur echt mit der kleinen Panne. So fängt um 17 Uhr das Tagesprogramm an. Ob er sich da auskenne, mit allen Knöpfen und Reglern auf dem Steuerpult? Nein, das ist nicht nötig. Zwei professionelle Sendetechniker kommen regelmäßig vorbei und machen die Einstellungen am Mischpult. Wenn keiner was verstellt, dann passt das. Für ihn seien nur diese Schieberegler wichtig, sagt er. Auch wenn man nicht mit allen Knöpfen zu tun hat, Gefühl für den Klang von Sprache und Musik sollte man schon haben.

Für wen er Radio mache? Für die, die es überdrüssig sind, „Mainstream“ zu hören. Für die, die mal was anderes hören wollen. Alle drei Monate an einem Mittwoch hat er seine eigene Musiksendung: „Plattenbau/Kontraste“; die nächste wird am 31. Januar ausgestrahlt. Inhalt, Moderation und Sendetechnik macht er alles selbst. 20 Stunden Vorbereitung brauche er für eine Stunde Sendung und für jede lasse er sich was Neues einfallen. Woher die Ideen kämen? Er zuckt ein paar mal mit den Schultern und schaut fragend. Er wisse es wirklich selbst nicht. Die kämen angeflogen. Hintergrundwissen hole er aus dem Internet und aus Musikzeitschriften. Nach einer Sendung, wenn die ganze Anspannung in ihm nachlasse, sei er fix und fertig. Ob er schon mal ein Interview gemacht habe, in einer seiner Sendungen? Nein, noch nicht, aber demnächst will er eines planen. Sein Wunschgast wäre Jaques Loussier, der bekannte Jazz-Musiker, der Gründer des Play-Bach-Trios. Jeder hat so seine Träume.

Bei Lora gäbe es Leute, die würden aus dem Stegreif arbeiten, sagt er. Die kämen mit einem Stapel CDs unter dem Arm ins Studio und würden dann auf Sendung gehen. Seiner Stimme ist anzuhören, dass er die bewundert. Und der Sprecher, der gerade eine Musiksendung moderiert, der sei zwei Größenordnungen besser als er. Er sagt das ohne Neid, wie jemand, der etwas vom Radiomachen versteht. Bisher hat er erst seine neunte eigene Sendung gemacht.

 

 

                                                                                                     

                                                 

 

Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!