Plattenbau-Kontraste


Radio - das eindringlichste Medium

Von dem freien Schriftsteller Wiglaf Droste

Gastkommentar im Deutschlandradio am 25.04.2007

 

Radio ist das eindringlichste Medium, das es gibt. Wenn ich über den Funk spreche, dann meine ich damit richtiges Radio und nicht das Zeug, auf dem >Antenne< steht oder >Energy< oder >Gong< oder sonst etwas Unvorstellbares. Die Ballerbuden mit Rundumdieuhrgeschrei, Geldverschenkgebrüll und anzüglichen Morgen-Crews können bitte dichtmachen und für immer aus dem Äther verschwinden. Für diese irreführenderweise >privat< genannten kommerziellen psychopathologischen Belästigungen wurde möglicherweise der Kapitalismus ausgeheckt, ganz sicher aber nicht das Radio. Denn das Radio an sich ist gut. Eine bessere Schule des Schreibens gibt es nicht - der Radioautor muss auch die komplexesten Gegenstände klar und verständlich darlegen; seine Hörer können schließlich nicht zurückblättern. Der Radiohörer hat eine Chance und nur diese eine -und die muss er auch bekommen. Der Weg zwischen Sprechermund und Hörerohr darf nicht mit sprachlicher, also geistiger Insuffizienz vollgeklumpatscht werden. Das menschliche Trommelfell zählt zu den zartesten unter den Organen. Wenn man gut zu ihm ist, dankt es das mit Großzügigkeit. Die ganze Welt lässt das Ohr in uns hinein, und es hat tatsächlich die ganze Welt in uns Platz. [b]Das Auge ist leicht bestechlich[/b] und quasi der Luffi unter den Sinnesorganen, weshalb auch die alte anthropologische Frage - [b]Stumpft der Mensch vom Gaffen ab?[/b] - wahrheitsgemäß nur mit [b]Ja[/b] beantwortet werden kann. [b]Das geübte Ohr aber ist fein; keine Lüge entgeht ihm, kein falscher Ton.[/b] Auch dafür muss man das Radio lieben: Es zeigt, dass Sprache nie nur Inhalt und Form ist, sondern immer auch Klang. Wörter haben eine onomatopoetische, lautmalende Komponente; wer sie vernachlässigt, wird nie erfahren, was Poesie ist. Um so unbegreiflicher ist, warum das Radio sein ureigenes Terrain der Klarheit, der Schönheit und der Wahrhaftigkeit aufgibt zugunsten eines Konsensgegurkes und -gemurkses, das einem die Tränen in die Ohren treiben kann. Warum Formatradio? Wozu zwanghafte Doppelmoderationen? Wieso Geschnatter und Geknatter? Weshalb nicht altmodisch das Richtige tun? Gute Texte aller Genres von Menschen sprechen lassen, die diese Texte in Inhalt, Rhythmus und Melodie verstehen und ihnen durch ihre markanten und angenehmen, also verbindlich anschleimfreien, unaufdringlichen Stimmen noch den akustischen I-Tupf geben? Und diese Texte mischen mit der schönsten Musik? Es ist alles in Hülle und Fülle vorhanden der Griff zum modischen Quark vollzieht sich ohne Not. Schließlich gibt es nichts Peinlicheres als die Mode von vor anderthalb Stunden. Wer Radio machen will, braucht ein freies Herz, einen guten Verstand und offene Ohren. Dünkel, egal welcher Art, kann nur schaden. Wenn aus Kulturradios Kulturunmutbuden oder sogar Kulturunmutzumutungsbuden werden, verhilft das zwar dem Buchstaben >u< zu größerer Verbreitung, sonst aber niemandem. In öffentlich-rechtlichen Sendern, die nicht umsonst Anstalten heißen, ist es gängige Praxis, Redakteure mit täglichen Sitzungsritualen zu entmutigen und zu quälen, um sie zu stromlinisieren, ihnen den Schneid abzukaufen und sie davon abzubringen, gemeinsam mit ihren Autoren Sendungen auszubaldowern und zu erfinden, die der Welt Schönheit hinzufügen statt weiteren überflüssigen Gargel. Das Fernsehen erzählt schon lange nichts mehr über die Wirklichkeit, sondern nur darüber, was das Fernsehen aus der Wirklichkeit macht und wie es Ersatzwirklichkeit schafft. Fernsehen ist das Präservativ der Wirklichkeit. Ihm darin nicht zu folgen ist nicht nur die große Chance des Radios, es ist auch seine einzige.

 

 

Stammt der Mensch vom Gaffen ab?

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